reaktionärer bullshit oder warum ich ‚die männer‘ nicht bemitleiden will

Sich ärgern über einen ZEIT-Artikel und ein klares Nein zur Frage, ob es eine Männerbewegung braucht.

2014. Ein neues Jahr beginnt und die ZEIT ärgert mich mit folgendem Aufmacher: „Alles schaut auf die Chancen von Frauen. Übersehen wird: Immer mehr Männer fallen zurück. Sie halten mit dem gesellschaftlichen Wandel nicht Schritt. Das ist auch für die Frauen schlecht. (ZEIT: Das geschwächte Geschlecht, 02.01.2014) Lustig finde ich einzig das Bild zum Text, das einen Mann in Superman-Pose zeigt, der mit auf die Brust gezeichnetem Heldenemblem und Kniestrümpfen aus der Nordsee springt. Was mein comic- und zitatverliebtes Herz natürlich freut. 

Das Thema des Artikels ist jedenfalls der arme, schwache Mann. Ins Feld geführt werden dazu einleitend drei – männliche – Serienfiguren aus drei amerikanischen Fernsehserien und die Tatsache, dass diese keineswegs die großen Macker sind, die sie zwanzig Jahre vorher vielleicht gewesen wären. Stattdessen sind sie scheinbar vielschichtig, gehen zum Psychoanalytiker, zeigen sich verletztlich und verletzt. Es stimmt: Der Fernsehheld der Nuller ist keiner mehr. Die Fernsehheldin jedoch ebenso wenig. Roland Emmerich hatte meiner Meinung nach Recht, als er das Fernsehen unserer Jahre mit dem Kino der 70er verglich. (ZEITmagazin: Out of Germany, 21.2.2013) Lässt sich aber allein aus der Tatsache, dass männliche Serienfiguren heute nicht mehr ausschließlich als gesellschaftlich omnipotente Wesen, Könner, Retter gezeichnet werden, ein Zusammenprall von Seele und Norm konstruieren? Das sehe ich nicht. Mal abgesehen davon, dass die Behauptung, dass alle drei Serien um das Thema ‚Wie hart, wie weich muss ein Mann heute sein?‘ kreisen, vermutlich nur funktioniert, wenn man sie selbst nie eingeschaltet hat und das nordamerikanische und das europäische Geschlechterbild trotz beidatlantisch erfolgreicher Fernsehserien längst nicht schnittgleich sind. Es handelt sich bei den zitierten Formaten übrigens um ‚Die Sopranos‘, ‚Homeland‘ und ‚Breaking Bad‘.

Nach diesem emotionalen Einstieg gehen die Autorinnen zu harten Zahlen über – und werden den gesamten Artikel lang dabei bleiben, einzelne Statistiken zu bemühen, ohne diese namentlich zu benennen. Hatte man doch schon in der Titelankündigung lesen können, dass Männer eher arbeitslos werden  als Frauen – oder sich gar „zu Tode arbeiten“. Das Schockpotential dieser Information verliert, berücksichtigt man die Tatsache, dass ‚Frauen‘ in Deutschland  schlichtweg weniger arbeiten als ‚Männer‘.  (Pressemitteilung des Statistischen Bundesamt: EU-weit arbei­ten Frau­en nur in den Nieder­lan­den häu­figer Teil­zeit als in Deutsch­land, 7.3.2013)

Zum ersten Mal wirklich geärgert habe ich mich dann, als es heißt: „Männer stellen 93 Prozent der wegen Mordes, Mordversuchs oder Totschlags Inhaftierten. Und wenn man von Sexualdelikten absieht, sind zwei von drei Gewaltopfern ebenfalls Männer.“ Entschuldigung, aber: What the fuck?? Wenn man von Sexualdelikten absieht? Warum sollte ich von Sexualdelikten absehen, wenn ich über Gewaltverbrechen spreche?

Ich habe mir die Zahlen für 2012 angeschaut (Polizeiliche Kriminalstatistik). Da gab es 2.126 der Polizei bekannte Fälle von Mord und Totschlag, hingegen 8.031 Fälle von Vergewaltigung oder sexueller Nötigung. Dass wir hier über Hellfeld-Kriminalität sprechen, wir es in Sachen Gewalt gegen Frauen bekanntermaßen jedoch mit einer hohen Dunkelziffer zu tun habe, erwähne ich nur der Vollständigkeit halber. (Präventionsportal der Polizei: Jede vierte Frau hat Übergriffe durch den Partner erlebt) Aber weiter in der Kriminalstatistik. Die Opfer von Mord und Totschlag sind zu 55 Prozent männlich, die der ‚Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung unter Gewaltanwendung oder Ausnutzen eines Abhängigkeitsverhältnisses‘ zu 93 Prozent weiblich und auch unter dem Stichpunkt Körperverletzung (dabei halten wir wieder die Dunkelziffer häuslicher Gewalt im Hinterkopf) finden wir immerhin auch noch 37 Prozent weibliche Opfer. Straftaten gegen die persönliche Freiheit – sprich: Menschenhandel, Entführungen, Geiselnahmen – werden ziemlich ausgewogen gegen Männer (51 Prozent) und Frauen (49 Prozent) begangen. Was genau wollten uns also die Autorinnen des ZEITartikels mit ihren Zahlen beweisen? Ich komme nicht dahinter. Aber sie erklären sich ja auch nicht, sondern scheinen nur auf den Effekt ihrer quellenlosen Zahlen zu vertrauen. Betrachtet man übrigens die Geschlechterverteilung der Täter in der Kriminalstatistik kommt man immerhin auf eineinhalb Millionen männliche gegen eine halbe Million weibliche Tatverdächtige. Wie sich dadurch jedoch eine Benachteiligung von Männern mit anschließender Frage nach einer Männerbewegung herleitet… mmmmh.

(Einschub an dieser Stelle: Was die beiden Autorinnen ohnehin meines Erachtens nicht zu verstehen scheinen, ist dass sich eine ‚Männerbewegung‘ gegen etwas strukturell begründetes richten müsste. Dass als ‚Männer‘ gelesene Menschen unserer Gesellschaft die – durchaus positiver konnotierte – Kehrseite dessen abbekommen, wie ‚Frauen‘ wahrgenommen werden und welche Möglichkeiten ihnen offenstehen, ist dabei wohl evident, umso mehr sollten wir uns doch A. um bestehende Diskriminierung kümmern und B. gegen die binäre Kategorisierung als solche wehren.)

Als nächstes macht der Artikel etwas, dass mir seltsam vorkommt, doch vermutlich klug ist. Er nennt verschiedene vermeintliche Autoritäten und zitiert diesen jeweils einen ganzen Absatz lang, um das Gesagte dann unkommentiert im Leser verhallen zu lassen. Ich möchte den so Wiedergegebenen nicht unterstellen, Fragwürdiges formuliert zu haben. In den Kontext, aus denen sie heraus zitiert wurden, handelte es sich vielleicht um Beschreibungen und Beobachtungen, die zu weitergehenden Analysen führten. Bei den Autorinnen des ZEITartikels werden diese jedoch zur Waffe im vermeintlichen Dienste der Männlichkeit. Einer Männlichkeit, die, wie sie selbst anmerken, wohlverdienend an der Spitze unserer Gesellschaft steht. „Aber wer sagt“, fragen sie, „dass all die Männer dort oben zufrieden sind?“ Nun, ich würde sagen: Niemand. Aber: Jungs, dann lasst es! Wollen wir uns ernsthaft über die Benachteiligung des Priviligiertseins unterhalten? Erwartungen nicht zu erfüllen, ist hart. Und ich fühle mit jedem, der unglücklich ist, aus welchem Grund auch immer. Das gilt auch für einen Manager an der Spitze eines Mega-Konzerns. Aber ich muss ihn doch nicht bemitleiden für das, was er ist, oder? Das Scheitern sei im Lebenslauf eines Mannes nicht vorgesehen. Entschuldigung, aber Scheitern ist immer traurig, egal, wem es passiert!  Der Unterschied ist nur der, dass einer ‚Frau‘ auch heute noch oft nicht einmal die Möglichkeit eingeräumt wird, beruflich überhaupt scheitern zu können.

Der Artikel arbeitet mit alten Bildern, mit Klischees. Da gibt es die Männer, die nicht zu ihren Empfindungen vordringen und sich statt dessen auf das Tun konzentrieren. Im Versuch, dieses Stereotyp zu belegen, wird eine Studie angeführt, die sich mit psychischen Störungen der Bundeswehrsoldaten beschäftigt, die in Afghanistan waren. Auch dieses Beispiel verliert gewaltig, berücksichtigt man, dass mit 189 Soldatinnen gerade einmal sechs Prozent der entsendeten Einsatzkräfte weiblich sind; eine Zahl, die wohl kaum einem statistisch repräsentativen Aussage zulässt.  Ohnehin scheint es keine Information dazu zu geben, ob sich diese Soldatinnen  bei posttraumatischen Belastungsstörungen in der Regel schneller Hilfe suchen als ihre männlichen Kollegen. (Bundeswehr: Einsatzzahlen, 18.12.2013) Doch auch ohne Belege sind sich die Autorinnen sicher: „Frauen reden gern über Probleme.“ und fügen süffisant hinzu: „Das könnte auch der Grund dafür sein, dass dieser Text nicht von einem Mann, sondern von zwei Frauen geschrieben wurde.“

Ein Freund hat sich gewundert, dass ich den Artikel wütend reaktionär genannt habe. Aber wie soll ich ihn sonst nennen? Hier wimmelt es vor Bildern wie diesen: Männer, die um verlorene Macht trauern. Männer, die ihre Gefühle durch ihr Autofahren ausleben. (Richtig! Nur ‚Männer‘ fahren bei Stress anders Auto. Wenn ‚Frauen‘ mit ihrem_ihrer Chef_in Probleme haben, merkt man das ihnen nicht an.) Männer, die mit dem Alltag nur klar kämen, bestünde dieser aus Jagen und Kämpfen. Männer als Gamer. (Hierzu unbedingt ein bisschen auf Feminist Frequency rumstöbern!) Und dann lese ich Sätze wie „Computerspiele sind für Männer das, was für Frauen Soap-Operas sind.“ und lerne, dass Frauen heutzutage über Art und Ausgestaltung ihrer Ehe bestimmen. Dies hat ein Therapeut gesagt und wird damit zitiert – es muss also stimmen. Zwei von drei Trennungen gehen von der Frau aus, so wird wieder eine Zahl ins Rennen geworfen, bei der ich nicht weiß, woher sie kommt und von der ich auch beim besten Willen nicht wüsste, wie sie recherchieren. Kann es dazu überhaupt glaubwürdige repräsentative Statistiken geben? Und selbst wenn heterosexuelle Frauen (denn um die scheint es ja hier zu gehen, richtig? Unangehnehm, diese hier auch noch eingeschobene Heteronormativität! Frau in Beziehung = Frau mit männlichem Partner? Pfui.)  sich häufiger von ihrem heterosexuellen Partner trennen als umgekehrt – bedeutet das wirklich, dass die Frau auch das Wesen der Beziehung gestaltet? (Ich erweitere den im Artikel benutzten Ehebegriff mal auf Beziehung.) Sehr repräsentativ ohnehin: Paare, die einen Beziehungstherapeuten aufsuchen… Nicht, dass ich etwas dagegen einzuwenden hätte, dass Paare das tun. Aber wieviel Prozent aller Paare tun das wohl?


Und dann gab’s da ja noch so ein süßes Beispiel über einen Mann, der gelernt hat, vor seinem Sohn zu weinen. Als ich aber schon gedacht habe, mich nicht noch mehr ärgern zu können, endet der Artikel mit einem Knaller. Nämlich der These, dass es Frauen verschreckt, wenn ihr Mann (Ich sagte es ja: Hier ist die Frau per se heterosexuell.) Schwäche zeigt, erfolglos ist oder depressiv. Erfolglosigkeit sei ein Liebestöter. Ich würde ja sagen: Die auf Erfolglosigkeit folgenden Depressionen können manchmal einer sein. Bei ‚Männer‘ wie ‚Frauen‘, Heten wie homo-/bi-/pan-sexuellen Paaren. Doch die Autorinnen des ZEITartikels lassen sich nicht beirren und ziehen sogar die Finanzkrise der USA mit ihren steigenden Scheidungszahlen dazu heran, um zu belegen, dass erfolglose Männer an Sex-Appeal verlieren. Dass eine Krise auch immer zu persönlichen Krisen führt und solche oft zu generellen Beziehungskrisen führen, übersehen sie dabei. Ihr Artikel produziert schließlich nur zu gerne das Bild des schwachen Manns, der von der Gesellschaft verstoßen wird. „Angenommen“, fragen sie, „ein Mann sitzt alleine daheim, ernährt sich von Bratwurst und Schmelzkäse, raucht, treibt keinen Sport und geht nicht zum Arzt. Die verbreitete Haltung einem solchen Mann gegenüber ist: Der scheint es ja darauf anzulegen, ein krankes Herz oder eine kaputte Leber zu bekommen. […] Selbstschädigendes Essverhalten von Männern […] gilt als persönliches Versagen.“ Doch auch jede einzelne Frau, die mehr wiegt, als die Gesellschaft als richtig festgelegt hat, kann ein Lied davon singen, wie ihr Essverhalten als selbstschädigend, als charakterliches Defizit und Nachlässigkeit ausgelegt wird. (Mädchenmannschaft: Lass meinen fetten Körper in Ruhe, 24.5.2013) Die Autorinnen bejammern, dass viele ‚männliche‘ Probleme stattdessen als soziale wahrgenommen würden. Der Grund dafür könnte einfach sein: Sie sind genau das.

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29 Antworten zu reaktionärer bullshit oder warum ich ‚die männer‘ nicht bemitleiden will

  1. Danke schreibt:

    Danke, großartig!

  2. Flormelis schreibt:

    Vielen Dank! Über diesen Text habe ich mich auch ziemlich geärgert, noch mehr jedoch über die Kommentare dazu. Die meisten ZEIT Leser(_innen?) scheinen das Thema total wichtig zu finden, vielen waren die Aussagen sogar nicht radikal genug.
    Ich frage mich, wie weit solche maskulistischen Ansichten tatsächlich verbreitet sind, oder ob nur im Internet der Eindruck entsteht, dass es so viele Männerrechtler gibt.
    Mich gruselt es davor, dass die in den Kommentaren geäußerten Ansichten mehrheitsfähig werden.

    • Kai Marie Linden schreibt:

      Die Kommentare habe ich glücklicherweise gar nicht gesehen, da ich den Artikel in der Printausgabe gelesen und nur hinterher das Onlinebild bewundert habe, als es in meinem Newsfeed erschien.

  3. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Keine Männerbewegung, dafür einen Frauenkampftag – die Blogschau

  4. Andreas Kemper schreibt:

    Hi!
    Ich möchte anmerken, nicht kritiklos den Begriff „Männerbewegung“ zu übernehmen, wo doch eigentlich die „Männerrechtsbewegung“ gemeint ist. Protagonisten der antifeministischen Männerrechtsbewegung wie Arne Hoffmann fahren schon lange die Strategie, den Begriff „Männerbewegung“ zu besetzten. Tatsächlich war aber die Männerbewegung ein profeministisches Projekt, welches von feministischen Frauengruppen aktiv angeschobe wurde. Männer sollten selber aktiv werden, um mit patriarchalen Strukturen und Sozialisationen zu brechen. Die in den 1970er Jahren entstandende Männerbewegung ist daher den Zielen der antifeministischen Männerrechtsbewegung diametral entgegengesetzt.
    Da es das Ziel von Hoffmann ist, durch die Besetzung des Begriffs Männerbewegung deren profeministische Geschichte verschwinden zu lassen, wäre es wichtig, hier nicht mitzuspielen, sondern begrifflich genau zu bleiben.
    Auch wenn es in den 1980er und 1990er Jahre mit der „Neue Mann Bewegung“ entpolitisierende Tendenzen in der Männerbewegung gegeben hatte, die irgendwann hegemonial wurden, so gibt es zwischen dieser „Neue Mann Bewegung“ mit ihrem „männeridentifizierten“ Ansatz und dem seit 2000 aufkommenden explizit antifeministischen Ansatz deutliche Unterschiede.
    Dies nur als begriffliche Anmerkung.
    Liebe Grüße
    Andreas Kemper

  5. Frederik Weitz schreibt:

    Herrlich. Hauptsache eine Schublade aufmachen und die Hälfte der Menschheit hineinkippen, so der Tenor des Zeit-Artikels. Wundert aber bei Martenssteins Gewüte gegen den „Feminismus“ nicht.

  6. Fingerblaster schreibt:

    Die auf Erfolglosigkeit folgenden Depressionen sind also der Liebestöter.
    Nun kann man ebensogut argumentieren, das die auf Depressionen wieder folgende Erfolglosigkeit, weil man sich nicht aufraffen kann was zu tun, ein wichtiger Faktor ist.
    Aber das würde ja bedeuten, das man den Männern, nicht mehr indirekt die Schuld geben kann, weil man das Problem dann nicht mehr in deren gestörter Hirnphysiologie verorten kann.

    Ihre Argumentation macht hier wening Sinn

    • Kai Marie Linden schreibt:

      Meine These ist doch: Die ZEITautorinnen interpretieren scheinbare Fakten, die auf nicht genannten Statistiken beruhen, bloß in eine Richtung, zitieren wie reproduzieren dabei traurige Rollenklischees und ignorieren die Möglichkeit anderer Lesarten. Was weiß denn ich, warum dieser Ladies ihre Partner verlassen haben?

      • Fingerblaster schreibt:

        Interessant ist aber das sie trotzdem von einer Abhängigkeit der Frauen gegenüber ihren Männern ausgehen. Wie soll die begründet sein außer ökonomisch?

      • Kai Marie Linden schreibt:

        Ich gehe von einer Abhängigkeit der Frauen gegenüber ihren Männern aus?

  7. tom174 schreibt:

    Interessant, dass Du die Selbstmordzahlen ausslässt, ebenso wie die Schulabbrüche.
    Nimmt man alle Gewaltdelikte zusammen, dann stellen die Männer 60% der Opfer. Trotzdem gibt es nur Kampagnen gegen Gewalt gegenüber Frauen und (ihren!) Kindern.
    Klar, der Artikel war einseitig, aber er ist auch eher (bislang) eine Seltenheit. Artikel zu Frauenproblemen gibt es zuhauf. Ich finde es allerdings Unsinn, Leid gegeneinander aufzurechnen. Das hilft weder einen, der bei einer Körperverletzung ein Auge verloren hat, noch einem Opfer sexueller Gewalt.

    • Kai Marie Linden schreibt:

      Völlig richtig, Leid gegeneinander aufrechnen ist hirnverbrannt. Das habe ich aber auch nicht getan. Sondern vielmehr den unreflektierten Umgang des ZEITartikels mit Zahlen untersucht und angemerkt, dass es sich bei den aufgezählten Beispielen nicht um strukturelle Benachteiligungen handelt.

      • tom174 schreibt:

        Nicht? Dass der Mann durch die selben traitionellen strukturen, die frau in die familie drängt, in die Versorgerrolle gedrängt wird ist nicht strukturell? Es ist nicht strukturell, dass sich um das matheproblem der mädchen die finger wund geschrieben wird, der knapp 3 mal so hohe pisa abstand der jungs beim lesen aber komplett ignoriert wird?

      • Frederik Weitz schreibt:

        @tom174
        Die Jungen tauchen natürlich auch gehörig beachtet auf, aber meist in Artikeln über abweichendes Verhalten. Und es gibt mittlerweile auch genügend Untersuchungen, in denen zum Beispiel die Abwesenheit väterlicher Identifikationsfiguren als schädlich dargestellt wird. Aber genau das ist dann auch wieder ein Problem: es wird sich eben, und insofern hast du wieder recht, nicht um positive Bilder bemüht, sondern mit negativen Bildern gewarnt. Und wo positive Figuren beschworen werden, positive männliche Figuren, haben diese häufig auf anderweitige Weise eine gewalttätige Funktion.
        Ich interpretiere Kai Marie so, dass sie die Geschlechterdifferenz auch für wichtig hält. Tatsächlich aber gibt es, gerade zur Zeit, dringliche Aufgaben, vielleicht dringlichere, nämlich die Differenz zwischen arm/reich, jung/alt, etabliert/ausgeschlossen. Das heißt aber nicht, dass die Differenz zwischen Mann/Frau als soziales Konstrukt unwichtig ist. Männer und Frauen sind auf unterschiedliche Weise arm und werden auf unterschiedliche Weise reich. Und einzelne Menschen finden sich auf unterschiedliche Weise in solche Prozesse verwickelt.

  8. Magnus schreibt:

    Ich bin auch von diesem Blogeintrag immer noch nicht überzeugt worden, das es Sinn ergibt, zwischen Gewalt gegen Männern und gegen Frauen, egal ob sexualisiert oder nicht, zu unterscheiden. Oder gar gegeneinander zu stellen. Gewalt ist egal gegen wen inakzeptabel. Genauso wie ungleich Lohnbedingungen, xyz-Shaming, oder sonst eine Diskriminierung. Was bringt diese Zahlenspielerei? Es ist völlig irrelevant, wer weswegen jemand wie und wo auf die Nase haut. Man haut niemandem auf die Nase. Punkt. Wenn wir nicht an den Punkt kommen, bleiben alle positiven Kräfte zersplittert. Vielleicht haben wir in der Tat kein männliches oder weibliches Problem, sondern „nur“ ein soziales und alle Typisierung lenkt uns nur davon ab?

    • Kai Marie Linden schreibt:

      Ich stimme, was das aufrechnen von Gewalt gegeneinander angeht, voll und ganz zu. Gerade deswegen hat es mich ja geärgert, dass die Autorinnen des ZEITartikels die sexalisierte Gewalt explizit rausnehmen. Man haut niemanden auf die Nase. Genau. 🙂

    • aber schreibt:

      Dass ein Aufrechnen reichlich sinnlos ist, darin stimme ich dir zu. Vor allem da es ja immer wieder eine willkommene Gelegenheit bietet, sich nicht mit den eigentlichen Problemen zu beschäftigen.
      Aber warum wer wem auf die Nase haut, und wann, das ist alles andere als irrelevant. Denn wie sollten wir jemals etwas ändern, wenn wir die Motive, Probleme, Folgen nicht betrachten und verstehen – und die können nunmal bei verschiedenen Gesellschaftsgruppen sehr unterschiedlich sein.
      Oder würdest du z.B. einem Verkehrssicherheitsausschuß auch davon abraten, alle relevanten Aspekte wie überhöhte Geschwindigkeit, schlechte Sicht, Straßenführung, Alkoholmissbrauch etc. einzeln unter die Lupe zu nehmen, weil die Unfallzahlen nur „insgesamt“ gesenkt werden sollten?
      – Nein, wir haben da ein männliches, ein weibliches UND ein soziales Problem. Unter anderen.

      Und die Zahlen und Statistiken öffnen einem nicht selten die Augen, wie drängend bestimmte Probleme sind. Geht dir das anders?

  9. Fingerblaster schreibt:

    „Warum sollte ich von Sexualdelikten absehen, wenn ich über Gewaltverbrechen spreche?“

    Weil es bei Sexualdelikten nicht primär um Gewaltausübung geht. Sonst könnte ich der Person ja auch einfach einen Ziegelstein an den Kopf schmeißen – wer alles das gleiche.

    • Kai Marie Linden schreibt:

      Einer Person einen Ziegelstein an den Kopf werfen ist ein Gewaltverbrechen. Was denn sonst? Genauso wie Sexualdelikte es sind. Und in der Kriminalstatistik werden sie als solche gehandelt.

  10. Fingerblaster schreibt:

    Wenn Sie hier nur Jubelkommentare zu ihrem Blogpost wollen, würde ich ihnen anraten das gleich dazu zu schreiben.
    Ansonsten werde ich mir die Mühe sparen, hier weiter zu lesen und zu kommentieren, was im beiderseitigen Sinne sein sollte.

    MfG.

    • Kai Marie Linden schreibt:

      bitte? weil ich Ihren Kommentar noch nicht freigeschaltet habe? Ich bin gerade erst dabei, Kommentare generell freigeben. Obwohl ich mich für recht 2.0 halte, bin ich nicht konstant online.

      • Fingerblaster schreibt:

        Dann war mein Eindruck evtl. falsch, sorry. Aber der Verdacht kam in mir auf, als ich sah was & wer hier zuerst freigeschaltet wurde.
        Außerdem habe ich schlechte Erfahrungen gemacht im Umgang mit Kommentaren in feministischen Blogs, da ich dort wahrscheinlich nicht zu der angesprochenen Zielgruppe gehöre.

      • Kai Marie Linden schreibt:

        Ich hab tatsächlich erst sie anderen freigeschaltet, weil ich mich nicht gedanklich mit ihnen auseinander setzen muss. geht schneller, einfacher 🙂 Eine andere Meinung lasse ich natürlich zu, behalte mir aber vor, zu antworten. das braucht ein paar Minuten länger…

  11. Michel Houellebecq schreibt:

    Ich frage mich allmählich grundsätzlich, wieviel Sinn es macht, die verschiedenen Lebenssituationen und Probleme des einen Geschlechts gegen diejenigen des anderen aufzuspielen: Was bringt die Geschlechterfrage heute noch? Sie lenkt doch nur von den wahren Problemen unserer Zeit ab! Ein Beispiel: In den USA befinden sich 40 Prozent aller allein erziehenden Mütter in einer sozial prekären Lage, wogegen staatliche Hilfsprogramme aufgezogen werden sollen. Auf der anderen Seite machen Männer unter den Obdachlosen einen Anteil von 80 Prozent aus. Dem übergeordnet steht aber ein volkswirtschaftlicher Entwicklungsprozess, der immer mehr Menschen an den Rand des sozialen Spektrums treibt (Finanz- und Schuldenkrise). Die USA haben 2009 die höchste Arbeitslosenrate seit den 1980er-Jahren gehabt, die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit hat sich verdreifacht und auf eine offene Stelle kamen soviele Arbeitslose, wie seit Jahrzehnten nicht mehr: DAS sind die wahren Probleme unserer Zeit! Dagegen wirkt die gesamte Geschlechterfrage wie Pipifax! Trotzdem bin ich derselben Meinung, wie die Zeit-Autorinnen: Ja, es braucht eine neue Männerbewegung. Weil die Leistungen der Männer und ihre Probleme in unserer Zeit völlig verkannt und falsch dargestellt werden. Wenn man schon an einem Punkt angekommen ist, das Ende der Männer heraufzubeschwören (Hanna Rosin), dann läuft etwas grundsätzlich schief. Und wenn man die menschliche Gesellschaft nur erreichen kann, wenn man die Männliche überwindet (SPD), ebenfalls. Es wird Zeit, Männer und ihren Stellenwert für die Gesellschaft wieder ins rechte Licht zu rücken. Danach können wir den Geschlechterdiskurs getrost verlassen und uns den wahren Problemen unserer Zeit zuwenden.

  12. minulinu schreibt:

    Ich hatte den Zeitartikel auch im Print gelesen (wegen des lustigen Bildes). Ich hab ihn gelesen und fand ihn von Anfang an platt und aussagelos. Das nächste Mal lese ich eher ein Backrezept, dachte ich mir. Lust, über meine Ablehnung nachzudenken, hatte ich allerdings nicht. Dafür war die Aussage einfach zu Mainstream-konform. Allerdings bin ich froh, dass Du hier in Worte gefasst hast, was ich nur intuitiv gespürt habe. Vielen Dank für die Mühe (und die begleitende Wut…das wirkt läuternd).

  13. Muriel schreibt:

    Danke! Hab den Artikel in der Zeit gelesen und bin fast aus den Schuhen gefallen. Auch durch die verqueere Annahme, die Autorinnen brechen damit ein Tabu-Thema…. Seid wann sind die Probleme von Männern* nochmal Tabu-Thema und sie gesellschaftlich benachteiligt? Ich hab da wohl was verpasst. Also nochmal danke, dass du ihn auseinandergenommen hast, ich hatte bei deinem Artikel sehr viel Spaß beim Lesen!

  14. Es gibt allerdings eine Männerbewegung, sie nimmt aus meiner Sicht an Fahrt auf.

    Aus meiner Sicht sieht die Privilegientheorie aus feministischer Sicht die Fragen etwas zu einfacht: Frauen bestimmen die Gesellschaft in vielen Punkten mit uns sind insoweit nicht nur diejenigen, die auf hegemoniale Männlichkeit reagieren müssen, sie fordern häufig genug ein bestimmtes männliches Verhalten sehr aktiv an und nehmen die Früchte dessen, was im Feminismus wohl als „wohlwollender Sexismus“ gesehen wird gerne mit.

  15. trivialist schreibt:

    Interessante Kritik eines in der Tat ärgerlichen Artikels, der ich über weite Strecken zustimme.
    Ich habe das Geschriebene aber weitgehend als einen weiteren Beitrag zur Trivialliteratur zum, logischerweise heterosexuell prädeterminierten, Geschlechterthema wahrgenommen.

    Ich versuch´s mal genauso trivial, damit es leicht verständlich ist, was ich meine:

    Die ganze Aufführung der beiden Heten-Journalistinnen war eine weitere Einstimmung in ein unausgesprochenes Klagelied der jüngeren Generation gebildeter Frauen, denen schlichtweg die Männer ausgehen.
    Da gibt es nämlich inzwischen sehr klare Attraktivitätsraster bei der Partnerwahl und das absolute NoGo für jene ambitionierten aufstrebenden Frauen ist ein Mann, der unterhalb ihres Bildungsabschlussniveaus agiert.
    Der kann ja noch so toll aussehen, sportlich und beruflich erfolgreich und auch ein herausragender Liebhaber sein, aber wenn´s um´s Reden – d.h. um Beziehung im weiblichen Wortsinn der gehobenen Art – geht, dann ist so´n ungebildeter Typ so dermaßen abgemeldet…

    Das war früher auch schon so, nur haben wir heute die Problematik, daß die Zahl akademischer Absolventen auf männlicher Seite nahezu gleich geblieben ist, während diese auf weiblicher Seite seit gut 4 Dekaden überproportional zunimmt.
    Das hat seine Gründe, die ich hier nicht erörtern möchte, aber:
    das Resultat dieser Entwicklung ist, daß auf dem Gymnasium nicht mehr die Jungs den Mädels hinterher laufen, sondern genau umgekehrt. Auf dem Campus, wo abgesehen von MINT-Disziplinen Frauen inzwischen die Mehrheit stellen, ist es noch „schlimmer“.

    Deswegen möchten gebildete Frauen eine Männerbewegung, hin zu mehr gebildeten Männern.
    Ich für meinen Teil, habe dafür gesorgt. Aber es reicht lange nicht hin und spätestens in der nächsten Generation gebildeter Frauen, wird aus einer Trivialität ein echtes Problem – denn es ist absehbar, daß es im Bildungssystem so weiter geht wie bisher.

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