mädchen, tussi, großstadtcowboy

Über den Einstand von Nina Kunzendorf im Frankfurter Tatort

Das Erste: Tatort – Eine bessere Welt (©hr), 08.05.2011, 20.15h

Ich bin hin und weg. Von Tatort-Kommissarin Conny Mey. Seit letzten Sonntag gibt es sie. Im neuen Frankfurter Tatort. Hautenge Kleidung, rosa Tops, baumelnde Ohrringe, wattierte Jacke, wallendes Haar, sehr manikürte Fingernägel, gebleichte Jeans, süßes Stimmchen und tiefe Ausschnitte, tiefe Ausschnitte, tiefe Ausschnitte. Dazu Pistolenholster und Cowboystiefel. Diese Frau spielt dermaßen wundervoll mit so verschieden konnotierten Attributen, dass es eine einzige Freude ist. Sie ist Mädchen, Tussi und Großstadtcowboy in einem – und gleichzeitig ist sie weder Mädchen noch Tussi noch Großstadtcowboy. Auf Highheels rennt sie kraftvoll, schnell und ohne jedes Gestöckele, um das dann mit einer Kletterszene zu toppen, die man im Fernsehen so nur von Männern sieht – und auch das nur selten.

Conny Mey passt in keine Schublade, bedient sich aber auch jeder einzelnen und man möchte ihr fortwährend zurufen: Ja, genau, so macht man das. Ich möchte einen meiner vorigen Sätze umschreiben, indem ich eine vermeintlich klitzekleine Kleinigkeit verändere: Die Groß- und Kleinschreibung. Denn sie ist mädchen, tussi und großstadtcowboy, sie illustriert schließlich, was ich schon lange denke, dass es sich bei diesen vermeintlichen Identitäten vielmehr um Adjektive handelt. Vielleicht kann man nicht Mann und Frau zugleich sein, wohl aber Mensch, der mann und frau ist. So oft wurde von einer Pluralität von Identitäten gesprochen, aber eigentlich gibt es sie doch gar nicht, diese Identitäten, existiert doch vielmehr nur eine einzige: Mensch. Und als solcher kann man ausschließlich mann sein, so wie man eben auch ausschließlich groß ist, oder hellhäutig, oder man kann sich ausschließlich mann fühlen, wie man sich eben ausschließlich groß fühlt oder auch hellhäutig. Oder man ist, und so ist es doch eigentlich, mal mann, mal frau, mal keins von beidem, mal schön, hässlich, groß, klein, mutig, ängstlich, großstadtcowboy, businessfrau,  hausfrau, hausmann, sportler, sportlich, müde, superheld.

Ich bin dankbar dafür, dass die Schauspielerin Nina Kunzendorf und Autor Lars Kraume, der auch die Regie geführt hat, diesen Alltag, der unser aller Alltag ist, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, ins Fernsehen gebracht haben, denn dort fehlte er. Ihre Conny Mey ist dabei beileibe keine Kunstfigur, sondern lebt. Und wie sie lebt. Ich mag ihn, diesen Mensch, ich mag ihn sehr.

Conny Mey ist gebrochen und dadurch echt, nicht nur was ihren Umgang mit Geschlechter- und Klassenattributen angeht. Sie zeigt Empathie, ohne dafür die eigene Karriere aufs Spiel zu setzen. Stattdessen findet sie einen Weg, beides zu verbinden, laviert sich durch. Sie turtelt mit dem Polizeipsychologen, knutscht, sobald sich die Türen hinter ihnen schließen, scheint verliebt und ist dann doch cool, als die Beziehung beendet scheint.  Sie ist sexy, zeigt Haut, weil sie das möchte und weist Männer, die das anders verstehen, in ihre Grenzen, ohne dabei auch nur die Stimme zu erheben. Sie kann beleidigt sein, ist aber nicht nachtragend. Sie lacht. Wenn ein Schauspieler so lacht, dass wir es für ein echtes Lachen halten, dann ist die Figur echt. Gleiches gilt übrigens fürs Weinen.

Seite an Seite mit Nina Kunzendorf spielt Joachim Król, der den Kommissar Frank Steier gibt – und auch er ist großartig, Joachim Król ist immer großartig. Für Mai sind die Dreharbeiten zum zweiten Frankfurter Tatort in neuer Besetzung geplant.

Darauf freue ich mich.

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