bitte nicht nur kitzeln

Ein Plädoyer für Mut zur Tragik als Grundlage des befriedigten Zuschauerlachens.

Stadtheater Krefeld/Mönchengladbach: Treppauf, Treppab, letzter Termin: 08.07.2011

Wann ist ein Theaterstück lustig?  Muss eine Farce Klamauk sein? Am Theater Krefeld wird momentan ‚Treppauf – Treppab‘ (im Original: ‚Taking Steps‘) von Alan Ayckbourn gegeben. Und ich finde es nicht lustig.

Nun mag das an mir liegen, aber ist eigentlich etwas lustig, nur weil man lacht? Denn das Publikum hat gelacht, sehr laut sogar. Und ich war irritiert, genau darüber. Aber gleichzeitig fühle ich mich ja auch befremdet, wenn Menschen lachen, weil in Internetvideos jemand auf die Schnauze fällt. Ich glaube, das ist wirklich sehr ähnlich. In beiden Fällen wird gelacht und doch ist es deswegen nicht etwa lustig. Vielmehr wird ein Lachmechanismus angeregt. Etwa wie, wenn einen jemand unter den Armen kitzelt. Das mag der eine oder andere angenehm finden und die Situation sogar suchen, ein anderer wiederum findet es nicht zum Aushalten – muss aber nichtsdestotrotz lachen, ob er will oder nicht. Und dann sind da noch diejenigen, die schlichtweg nicht kitzlig sind.

Nehmen wir hingegen Mario Barth. Auch der bringt mich nicht zum Lachen. Aber ich glaube, dass das, was er macht, wirklich lustig ist. Er stellt Assoziationen her, ruft Bilder ab, arbeitet mit der Meinung und den Gefühlen der Menschen. Wenn etwas befriedigend lustig sein will, muss es in den Menschen eine Emotion hervorrufen, die über den puren Reflex zu lachen hinausgeht.

Aus diesem Grund finde ich es schade, dass Regisseur Walter Meierjohann sich in der Krefelder Inszenierung dafür entschieden hat, Klamauk auf die Bühne zu bringen. Natürlich, die Schauspieler machen ihren Job gut, sie stolpern an den richtigen Stellen, arbeiten gekonnt mit ihrer Mimik und ihren Körpern. Handelt es sich bei dem Stück ja auch um eine Farce, eine derbe Komödie also, deren Charakteristika ein hohes Tempo und eine möglichst hohe Anzahl absurder Situationen sind. Und doch entbindet dieses Genre eine Geschichte nicht davon, zugleich auch wirklich lustig sein zu können.

Im Theater dachte ich, dass “Treppauf – Treppab‘ einfach nicht mein Stück wäre. Geschmäcker sind Geschmäcker sind Geschmäcker. Aber je länger ich hinterher nachgedacht habe, desto sicherer wurde ich mir, dass ich es in einer anderen Lesart durchaus mögen könnte. Die sehr intelligent gestrickte Geschichte ist in meinen Augen schließlich vor allem eins – tragisch. (Und ist nicht allein das schon eine ausgezeichnete Vorraussetzung für eine gute Komödie?)

Bei näherem Hinsehen sind die Figuren weniger überhöht und absurd als es zunächst den Anschein macht. Da ist Elizabeth, auch Lizzie genannt, mit der das Stück beginnt. Sie will ihren Mann verlassen, weil sie sich in einen Käfig gesperrt fühlt, ihre Freiheit vermisst. Sie ist Tänzerin und fühlt im Tanz ihre Berufung, der sie nach Jahren der Ehe nun nachkommen will. Der Zuschauer erfährt jedoch: Sie war immer eine miserable Tänzerin und keineswegs erfolgreich. Sie will einen Mann, der sie liebt, der sie vergöttert und gleichzeitig kann sie sich mit einem solchen nur langweilen. Dann ihr Bruder, Mark. Mark ist ein ungelenk wirkender, beruflich erfolgloser, alternder Mann, der von einem Angelladen und seiner Jugendliebe träumt . Die anderen Protagonisten bringt schon der Klang seiner Stimme zum Einschlafen. Gegen Ende des Stücks wird er versuchen, sich am Gürtel seines Bademantels zu erhängen. Dass es ihm missglückt, scheint nur temporär,;ich zumindest bin mir sicher: Wenn der Vorhang fällt, wenn keiner mehr guckt, wird er das Vorhaben noch einmal und dann erfolgreich in die Tat umsetzen. Lizzies Mann, den sie während des Stücks verlässt, nur um dann doch zurückzukehren, heißt Roland. Bei ihm handelt es sich um einen dauertrinkenden Hersteller von Plastikeimern. Er scheint erfolgreich, zugleich reicht sein Geld in der Größenordnung, die ihm für seine Frau vorschwebt, scheinbar nur für ein verrottendes, in sich zusammenfallendes Haus im Nichts. Er ist sich nicht bewusst, dass er seiner Ehe mit diesem Kauf keinen Gefallen tun, sondern der Erwerb vielmehr dafür sorgen wird, dass Lizzie sich noch gefangener fühlen muss. Besitzer des Hauses ist Leslie Bainbridge, ein schmierig-wirkender, aber letzten Endes empathischer Bauunternehmer, der sich einzig durch das Abstoßen des baufälligen Anwesen vor dem Bankrott retten kann. Zuhause hat er Frau und Kinder , die er ernähren muss. Die letzte, die den Reigen der traurigen Gestalten vollständig macht, ist Kitty. Diese ist Marks ehemalige Verlobte, die dieser auch dann noch als seine Freundin ansieht, nachdem sie ihn vor dem Traualtar hat stehen lassen und so weit weg gerannt ist, wie ihr möglich. Kitty wurde im Vorfeld der Geschichte wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses durch vermeintliche Prostitution festgenommen und von der Polizei postwendend zu ihrem früheren Lebenspartner zurückgeschickt. Hier sucht sie nun, aus mangelnder Fähigkeit, sich ihm zu erklären, nach einer erneuten Möglichkeit zur Flucht aus einem Leben, das er für sie vorgeplant hat und das sie nicht führen will. Fünf Figuren – fünf einsame, sprachlose und in ihrer Situation gefangene Menschen. Auf der Bühne stehen allerdings nicht fünf, sondern sechs Schauspieler. Tristram Watson ist ein junger Anwalt, der geschickt wurde, den Kauf juristisch zu betreuen. Anfangs als die tragischste Figur aller wirkend – nervös, unsicher, stotternd, leicht zu beeinflussen, eine absolute Lachnummer im traurigsten Sinn – avanciert er bald zur Hauptfigur, erfährt für ihn überraschend positive Wendungen. Überhaupt entpuppt  sich ausgerechnet Tristram als der im Sechsergespann, dessen Leben am wenigsten tragisch zu verlaufen scheint.

v.l.: Leslie Bainbridge (Christopher Wintgens), Roland Crabbe (Bruno Winzen), Tristram Watson (Paul Steinbach) © Stutte

v.l.: Leslie Bainbridge (Christopher Wintgens), Roland Crabbe (Bruno Winzen), Tristram Watson (Paul Steinbach) © Stutte

Was, wenn sich Meierjohann diese Tragik in den Figuren herausgearbeitet hätte? Es hätte ihnen nichts ihrer vermeintlichen Überhöhtheit genommen, aber sie zugleich dem Zuschauer näher gebracht. Das hätte ihn an manchen Stellen schlucken lassen – und dann, dann hätte er die Komik gebraucht. Je tragischer etwas ist, desto emotionaler, gelöster, lachen wir. Das Lachen löst die Spannung auf, so ein Lachen befreit und tut gut. Auch dann hätten wir über die Stolperer gelacht, über den Slapstick, daran hätte sich nichts geändert. Und doch hätte sich um ein nachhaltigeres Lachen gehandelt, eines, das aus unserem Inneren kommt  Shakespeare war ein Meister dieser Mischung aus Tragödien und Komödien. Ein gute Tragödie muss immer Komödie sein und umgekehrt.

Ayckbourns Text birgt dieses Potential. An einer Stelle auch in Meierjohanns Inszenierung. Wenn Mark sich  den Strick knöpft und im Badezimmer aufhängen will, kriegen wir den Kloß im Hals, der da hingehört. Gleichzeitig irritiert es jedoch, weil es nicht zum Rest passen will, weil ich auf Klamauk eingestellt sind und mir die Tragik jetzt wie mit der Keule übergezogen wird. Ich fühle nicht mit den Figuren, warum soll ich es jetzt hier? Tragik kommt auf Samtpfoten daher, wenn uns die Figur ans Herz wachsen. Wäre das geschehen, würde ich erlöst über die Eile lachen, mit der Mark den Knoten zu lösen versucht, als Lizzie ihn beim Suizidversuch überrascht.

Wäre die Komik Komik gewesen und nicht Klaumauk, wäre die Tragik heraus gearbeitet worden, hätten mir die Figuren ans Herzen wachsen dürfen, ich hätte gar nicht erst überlegen müssen, um schließlich festzustellen, dass ich das Stück doch mag.  Wie hätte ich es nicht mögen können, handelt es doch nur von einem: Menschen.

‚Treppauf – Treppab‘ am Theater Krefeld – Mönchengladbach:

Inszenierung: Walter Meierjohann; Bühne: Steffi Warster, Nicole Pleuler; Kostüme: Nicole Pleuler; Dramaturgie: Ulrike Brambeer; Tonproduzent: Tobias Hofmann

Elizabeth: Marianne Kittel; Mark: Adrian Linke; Tristram: Paul Steinbach; Roland: Bruno Winzen; Leslie: Christopher Wintgens; Kitty: Helen Wendt

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